11.12.08 - Interview mit Flor Rodriguez

"Den absoluten Härtefällen helfen"

Flor Rodriguez (26) stammt aus dem kolumbianischen Dorf Villahermosa. Im Bürgerkrieg floh ihre Familie nach Villavicencio. Die Stadt pflegt seit langem eine Städtesolidarität mit Aschaffenburg. Die Stiftung Camino de la Esperanza ermöglichte Flor Schulbildung und Studium. Als Leiterin des Schulprogramms entscheidet sie, welchen Kinder aus den Elendsvierteln die Stiftung den Schulbesuch ermöglicht. Mit ihr sprach Nina Körner.

Viele junge Frauen in den kolumbianischen Elendsvierteln haben nicht das Glück, durch eine Organisation wie Camino de la Esperanza eine Ausbildung zu erhalten. Wie sieht deren Schicksal aus?

Viele suchen sich bereits sehr jung einen Partner und bekommen Kinder. Das Problem des Analphabetismus macht die Familienplanung schwierig, oft unmöglich. Leider sind viele junge Mütter bald wieder allein und ohne finanzielle Mittel. So ist wiederum die Schulbildung für deren Kinder nicht möglich. In Kolumbien darf nur zur Schule gehen, wer Schuluniform und -gebühr bezahlen kann. Ich komme aus einem umkämpften Gebiet. Wäre meine Familie dort geblieben, hätte mich wohl die Farc zwangsrekrutiert. Dies ist meiner zweiten Schwester geschehen. Mit 13 wurde sie entführt, acht Jahre später wegen einer Verletzung ausgesetzt. Meine älteste Schwester verschwand vor neun Jahren spurlos.

Als Leiterin des Schulprogramms müssen Sie beschließen, welche Kinder die Stiftung aufnimmt. Diese Entscheidung ist sicher schwierig... .

..ja! Die Entscheidung ist schwierig. Zunächst stellen bedürftige Familien oder Alleinstehende einen Antrag um Aufnahme. Ich besuche sie, schaue mir an, in welchen Umständen die Kinder leben. In einem Fragebogen halte ich alles fest. Wir wollen den absoluten Härtefällen helfen, diese bestimmen sich durch verschiedene Kriterien: Hat wenigstens ein Familienmitglied Arbeit? Ist der Vater verschwunden, die Mutter allein? Wurde die Familie vertrieben? Gibt es niemanden für die Kindesbetreuung, hilft vielleicht eine Großmutter? Jährlich können wir 30 bis 40 Kinder aufnehmen, erhalten jedoch 120 Anträge. In Villavicenzio allein gibt es 50 000 Arme und Flüchtlinge.

Gibt der kolumbianische Staat Gelder für die Projekte der Stiftung Camino de la Esperanza?

Ja, wir erhalten einen kleinen Betrag pro Kind und Jahr, weil die Stiftung glaubwürdig ist. Das Geld erreicht uns oft mit Verzögerung. Dieses Jahr haben wir 6000 Euro von der Deutschen Botschaft bekommen, die Gelder für Kleinprojekte vergeben kann. Damit können wir einen kleinen Laden finanzieren, der die Produkte unserer Behinderten-Werkstätten vertreibt. Das freut uns sehr.