21.01.2009 - Mit der Palme kommt die Angst
Geschrieben von: Siegener Zeitung   
Mittwoch, den 21. Januar 2009 um 21:05 Uhr

Betzdorf - »Agrosprit führt in die Sackgasse« / Weltladen und Miseror diskutierten über Lage in Kolumbien

sz– »Mit Vollgas in eine verhängnisvolle Richtung« – so sieht der Weltladen Betzdorf die Verwendung von Agrosprit als Alternative zu Erdöl. Um die Folgen der grünen Goldgräberstimmung am Beispiel eines Landes aufzuzeigen, hatte der Weltladen jetzt Susanne Breuer, Kolumbien-Referentin von Misereor, zu einem Vortrag eingeladen.

 

 


»Tank oder Teller? Ölpalmen kann man nicht essen«, resümierte die Referentin. Sie beschrieb die Folgen des Agrosprit-Booms für die Kleinbauern in Kolumbien. Wo vor kurzem noch Reis und Mais gewachsen sei, machten sich nun Kilometer für Kilometer Ölpalmplantagen breit, schreibt der Weltladen in einem Pressebericht. Viele Regionen, in denen vorher ausreichend Lebensmittel produziert worden seien, müssten nun Nahrungsmittel aus anderen Landesteilen beziehen. Das treibe die Lebensmittelpreise in die Höhe.

 

»Vielerorts kehrt mit der Palme auch die Angst ein«, so Susanne Breuer. Denn wo Ölpalmenplantagen angelegt würden, seien die Kleinbauern in ihren Dörfern im Wege. Drohungen der Paramilitärs, derer sich die Firmen bedienten, verbreiteten Angst und Schrecken. Oft bleibe den Familien kein anderer Ausweg als in die Slums der Städte zu flüchten und dort ein Leben ohne Hoffnung zu fristen. »Ein Meer aus Palmen«, das sei die Vision von Präsident Uribe, denn aus den Früchten der Ölpalme lasse sich »Bio«-Diesel herstellen, der die Autotanks in Kolumbien, aber auch in den USA und Europa füllen solle. Zwei Millionen Hektar Ölpalmen und eine Million Hektar Zuckerrohr (zur Herstellung von Ethanol) sei das Ziel der kolumbianischen Regierung.

 

»Wenn Ölpalmen und Zuckerrohr in Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln stehen, verlieren die Nahrungsmittel und damit die ohnehin schon armen Bevölkerungsschichten, denn ,Bio’-Diesel und Ethanol versprechen den höheren Profit«, so die Referentin. Hunger und Vertreibung und damit Menschenrechtsverletzungen seien die Folge. Kolumbien habe schon mehrere Millionen Binnenflüchtlinge infolge des Bürgerkrieges und liege weltweit hinter dem Sudan auf Platz zwei.

 

Auch beim Vortrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing, ging es u.a um Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmitteln und Koka zur Herstellung von Kokain. Sie referierte über die Drogeneindämmungspolitik der EU und Deutschlands. In der EU und in Deutschland gehe es um die Eindämmung der Nachfrage, während es in Kolumbien und anderen Drogenanbauländern um die Reduzierung des Angebots gehe. Bätzing stellte klar, dass die Voraussetzung für eine Reduzierung des Kokaanbaus gerade auch in Kolumbien eine sozialverträgliche Alternative sein müsse. Allein die Vernichtung der Kokapflanzungen, wie sie von der kolumbianischen Regierung mit Unterstützung der USA praktiziert werde, reiche nicht aus. Giftbelastung (Pestizide) und Vertreibung seien weitere Übel.
In der anschließenden Diskussion wurden Fragen zur Beimischungspflicht und Steuererleichterung von Agrosprit in Deutschland und der EU gestellt und kritisiert sowie die Einsparung von CO2 bei dessen Verwendung bezweifelt. Ein Tempolimit auf den Autobahnen von 120 Stundenkilometern bringe das Dreifache an CO2-Einsparung als die avisierten 5 Prozent Beimischung von Pflanzenöl.
Wie man unter dem Aspekt »Global denken – Lokal handeln« Menschen in Kolumbien helfen könne, zeigten Hermann Hesse und Hermann Reeh vom Weltladen Betzdorf. Friedensdörfer bewiesen, dass es auch anders gehe. Doch auch sie zahlten manchmal einen hohen Preis. In San José de Arpatado, dem bekanntesten, seien in zehn Jahren 170 Bewohner von verschiedenen Konfliktparteien ermordet worden, trotzdem gäben sie nicht auf.

 

Zudem bräuchten sie eine wirtschaftliche Existenz. Seit dem vergangenen Jahr importiere die »gepa« Kakao aus diesem Dorf, der in Deutschland zu Schokolade verarbeitet werde.
»Kaffee statt Koka«, diese Alternative stellte Hermann Reeh vor. Die kolumbianische Genossenschaftsverband Cosurca, in dem 1600 Bauernfamilien organisiert seien, habe sich zum Ziel gesetzt, den ökologischen Anbau von Nahrungsmitteln und Kaffee zu fördern. Dank des Mehrpreises, den sie vom fairen Handel für ihren Biokaffee erhalten, konnten sie ihre Mitglieder davon überzeugen, mehr als 300 Hektar ehemaligen Koka-Landes mit Kaffee und Nahrungsmitteln zu bepflanzen. Die Hälfte ihrer Kaffee-Ernte können sie über den fairen Handel absetzen, sie hoffen auf größere Absatzmengen zu gerechten Preisen.
»Hier bietet sich für jeden von uns die Möglichkeit, durch den Kauf des Kaffees den Anbau von Koka zu vermindern, wie es auch das Ziel der Drogenpolitik der Bundesregierung ist«, so Hermann Reeh abschließend. Auch diesen Kaffee gibt es im Weltladen.