15.02.2016 - Revolutionär und Priester - 50. Todestag von Camilo Torres
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Montag, den 15. Februar 2016 um 00:00 Uhr

1966 kam der kolumbianische Priester, Befreiungstheologe und Guerillero Camilo Torres bei einem Gefecht mit Regierungssoldaten ums Leben. Bis heute gilt er in Kolumbien als wichtige Symbolfigur.

Der Priester Camilo Torres berief sich auf Jesus, als er im Juni 1965 seine Soutane gegen die Partisanen-Uniform tauschte, um den Kampf gegen die "Oligarchien" in Kolumbien ausweiten zu können: "Die Revolution ist eine Pflicht des Christen, wenn sie die einzige [...] Möglichkeit ist, die Liebe zu allen durchzusetzen." Torres wollte politische Theologie nicht nur verkünden; es drängte ihn zur Tat. Zuletzt ging er den Weg der revolutionären Gewalt und schloss sich den Guerilleros in den Bergen an. Am 15. Februar 1966 wurde Torres bei seinem ersten Gefecht von Regierungssoldaten getötet.

Um mit seiner Einheitsfront, der von ihm gegründeten Frente Unido, einen Machtwechsel zu erzwingen, hatte der militante Sozialreformer im März 1965 ein zündendes Manifest, die "Plataforma", in die Öffentlichkeit geworfen - für die Verteidiger des alten Systems eine Brandfackel. Unter den reformwilligen Kräften erntete die "Plataforma" anfangs begeisterten Zuspruch, von den Kommunisten bis zu den Christdemokraten. Doch schon bald bröckelte die Gefolgschaft des Revolutionärs.

Kompromisse waren nicht seine Stärke. Der Sozialwissenschaftler war auch niemand, der sich mit Analysen und Zahlenkolonnen begnügte. Er war ein Seelsorger, dem es um den Menschen ging. Als er nach einer Studienzeit im Ausland 1959 heimkehrte, befand sich Kolumbien in bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Fidel Castro hatte in Kuba die Macht erobert und begann, ein sozialistisches Modell zu verwirklichen - ein Muster- oder Schreckensbild für den Subkontinent. Torres wurde Studentenpfarrer und Dozent der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Nationaluniversität in Bogota. Sein Seelsorgeamt musste er bald aufgeben, weil er gegen die Exmatrikulation von marxistischen Studenten protestierte.

Vorwürfe gegen Torres' Institut

Torres' Institut unterhielt ein Versuchsgut, an dem junge Bauern zu Leitern von Agrargenossenschaften ausgebildet wurden. Bald wurde der Vorwurf gegen Torres laut, das Projekt diene der Ausbildung von Guerilla-Kämpfern. Tatsächlich wuchs in ihm ein rebellischer Geist, der durch den persönlichen Umgang mit landlosen Campesinos ständig neue Nahrung erhielt. Das Jahr 1965 wurde zum Höhepunkt seiner radikalisierten Agitation. Vor Studenten konnte er simple Parolen einhämmern: "Nicht einen Schritt zurück! Nieder mit dem Yankee-Imperialismus! Es lebe die Revolution!"

Den Bischöfen wollte er vorschreiben, auf die Bekenntnisschulen zu verzichten und den gesellschaftlichen "Pluralismus" zuzulassen - unter Berufung auf den Geist des Konzils. Besonders geißelte der Episkopat Torres' sozialistischen Eigentumsbegriff: Einen Irrtum begingen diejenigen, "die das Eigentum über den Boden de jure den Bauern zusprechen, nur weil sie ihn bearbeiten".

Nachdem ein Sternmarsch auf die Hauptstadt niedergeknüppelt worden war und Torres selbst nur mit Mühe sein Leben hatte retten können, floh er im Herbst zu kommunistischen Freischärlern. Aus den Bergen meldete er sich im Januar 1966 noch einmal zu Wort: "Das Volk ist verzweifelt und entschlossen, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen, dass die kommende Generation von Kolumbianern nicht eine Nation von Sklaven ist."

Mythos des bewaffneten Priesters

Torres wurde oft mit "Che" Guevara verglichen, wurde zum Mythos des ersten Priesters, der sich dem bewaffneten Widerstand gegen "strukturelle Gewalt" anschloss. Guerillero-Priestern war er Vorbild. Fidel Castro beutete seinen "Fall" propagandistisch aus als "Symbol für die revolutionäre Einheit der Völker Lateinamerikas". Gerechter wurde Torres' Tragik der Nachruf der größten Tageszeitung Kolumbiens: "Unglücklicherweise führte ihn gerade seine Berufung zur Hingabe, die großzügig und selbstlos war, zu den höchsten Extremen."

Medienberichten zufolge wurden in Kolumbien vor einigen Wochen die mutmaßlichen sterblichen Überreste des Revolutionärs gefunden. Derzeit wird versucht, anhand von DNA-Analysen zweifelsfrei zu klären, ob die exhumierten Überreste tatsächlich die von Torres sind. Die Suche nach seiner Leiche hatte Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos kürzlich angekündigt. Die symbolische Geste 50 Jahre nach Torres' Tod wurde als ein Versöhnungsangebot an die ELN-Rebellen gewertet, deren Mitglied er war.

Quelle: KNA, Autoren: Anselm Verbeek und Tobias Käufer

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