28.12.2007 - Ehrgeiziges Projekt der Stiftung »Weg der Hoffnung«
Geschrieben von: Main Echo / Melanie Pollinger   
Freitag, den 28. Dezember 2007 um 18:26 Uhr

Auch der kleine Jesus möchte einen Platz

Kolumbianische Erzieherin Marysol García spricht in Aschaffenburg über »Schule für alle« -ein ehrgeiziges Projekt der Stiftung »Weg der Hoffnung«

Aschaffenburg. Sie kommen aus dem Dschungel, wohnen nach ihrer Flucht vor Bürgerkriegssoldaten mit ihren Familien in Verschlägen aus Plastikplanen und Abfallholz und warten darauf, endlich auch zur Schule gehen zu dürfen: Hunderte von Kindern in den Elendsvierteln am Rand der kolumbianischen Stadt Villavicencio, wo die Mainaschaffer Stiftung »Weg der Hoffnung« seit 14 Jahren hilft.

Dieser Tage waren zwei Vertreter der von Pfarrer Josef Otter gegründeten Stiftung - die in Kolumbien »Camino de la esperanza« heißt - zu Besuch in der Berufsschule II in Aschaffenburg: der Vorsitzende Wolfgang Hock aus Johannesberg und die Kolumbianerin Marysol García (33). Sie arbeitete vor mehreren Jahren als Praktikantin in den Mainaschaffer Kindergärten und leitet jetzt eines der (mittlerweile drei) Kinderheime der Stiftung mit 320 Kindern, darunter auch etliche mit körperlicher oder geistiger Behinderung.

Ohne Uniform kein Unterricht

Neben dieser Arbeit hat García nun eine weitere wichtige Aufgabe: Die Erzieherin besucht Flüchtlingsfamilien in den Elendsvierteln, organisiert wo nötig medizinische Hilfe und wählt die Mädchen und Buben aus, für die die Stiftung das Schulgeld übernimmt: insgesamt 178 Euro pro Kind und Jahr für Uniform, Schulsachen, Einschreibung und Schulgebühr. Ohne Uniform, so Hock, werde niemand in die staatlichen Schulen aufgenommen. So stehe es im Gesetz, das auf dem Papier Schule für alle garantiere. In Wirklichkeit aber schließe es arme Menschen von der Bildung aus.

Hock zeigte Fotos von Kindern, die es dank der Spenden aus Stadt und Kreis Aschaffenburg geschafft haben: Drei Mädchen sind zusammen mit Marysol García unterwegs auf einer schlammigen Straße. Die Berufsschüler, die dem Vortrag aufmerksam folgten, kapierten sofort, warum die Kinder barfuß liefen: damit die schönen neuen Schuhe, die sie in der Hand hielten, nicht kaputt gingen.

Kinder auf Strasse

»Stellt euch vor«, sagte Hock, »ihr kommt heute Mittag heim, und es stehen Soldaten mit Maschinengewehren vor eurem Haus. Sie sagen euch, ihr habt vier Stunden Zeit, um eure Sachen zu packen und zu verschwinden. Ihr habt dann noch Glück, dass euch und eurer Familie nicht mehr passiert, dass ihr wenigstens am Leben bleibt und dass ihr nicht verschleppt und gezwungen werdet, selbst als Soldaten zu kämpfen.«

Statistisch gesehen würden in Kolumbien pro Stunde vier Familien von ihren kleinen Bauernhöfchen vertrieben, sagte Hock. Nur im Irak gebe es derzeit mehr Inlandsflüchtlinge. Grund sei der seit 30 Jahren andauernde Bürgerkrieg zwischen zwei linksgerichteten Guerillaorganisationen, der rechten Regierung und einer Reihe von privaten Kriegsherren mit unvorstellbar großen Ländereien. Einer davon sei Eigentümer eines Areals, das so groß sei wie Bayern.

Dabei sei Kolumbien ein wunderschönes Land, meinte Hock und zeigte Bilder von üppiger Vegetation und bunten Papageien. Ein wenig von der Fröhlichkeit der Menschen dort brachte Marysol García ins Klassenzimmer, als sie zusammen mit ihrem Mann Fernando einen Folkloretanz vorführte. Noch bis zum 9. Januar ist die kolumbianische Erzieherin in Mainaschaff zu Gast. Sie wünscht sich, weitere Sponsoren für das Projekt »Schule für alle« zu gewinnen. 117 Kindern ermöglicht dieses derzeit den Schulbesuch. Auf demnächst 200 hoffen die Verantwortlichen. So soll auch der siebenjährige Jesus einen Platz bekommen.

Der kleine Jesus sei zusammen mit seinem Vater Samuel Cardozo und den Brüdern Samuel (13) und Libaniel (12) vor Guerillakämpfern geflohen, die die größeren Jungen als Kämpfer mitnehmen wollten, erzählte Hock. Samuel und Libaniel gingen jetzt zur Schule, während der Vater die Familie mit Gelegenheitsarbeiten durchschlage. Seine vor Jahren entführte Frau habe er nicht wieder gefunden.

»Die Geschichte all dieser Kinder würde ein Buch füllen, dessen Kapitel so traurig wären, dass niemand sie lesen würde«, schrieb vor 20 Jahren der 2005 verstorbene Pfarrer Otter. Er hat den Weg der Hoffnung als Erster beschritten und auf die Menschen gezählt, die ihn auch künftig mitgehen werden.