Presseberichte Kolumbien
18.12.2015 - Forderung nach Opfer-Fokus bei Friedensprozess
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Freitag, den 18. Dezember 2015 um 00:00 Uhr

Der Koordinator der Nationalen Versöhnungskommission in Kolumbien,Darío Echeverri González, dringt auf soziale Reformen in seiner Heimat. "Der soziale Konflikt hat viel größere Dimensionen als der bewaffnete Konflikt. Aus Havanna wird der Frieden für Kolumbien nicht kommen", sagte Echeverri am Freitag, 18. Dezember 2015, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Die Opfer müssten im Zentrum der Konfliktlösung stehen. In Europa kenne man die Guerilla-Gruppen, aber kaum einer wisse von der großen Ungleichheit im Land oder den 7,8 Millionen Opfern des bewaffneten Konflikts.

Wichtige Fortschritte im Friedensprozess

Zugleich bekräftigte er die Bedeutung eines Friedensabkommens der Regierung von Staatspräsident Juan Manuel Santos und der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC. Er hoffe, dass es wie geplant im März unterzeichnet werde. "Die Delegierten der Regierung und der FARC-Guerilla nehmen die Verhandlungen sehr ernst", bekräftigte Echeverri. Wichtig sei, dass die neuen Bürgermeister von 1.300 Gemeinden, deren Amtszeit am 1. Januar beginne, Reformen umsetzten.

Mit Blick auf die angekündigte Einigung zu einer Übergangsjustiz und einer juristischen Aufarbeitung des Konflikts zeigte sich Echeverri verhalten optimistisch. Viele Punkte seien nicht geklärt. Eine der schwierigsten offenen Fragen bleibe, wer die Richter auswähle.

Ungeklärte Fragen zur Übergangsjustiz

Gerade bei der Übergangsjustiz und der Opferentschädigung habe sich die katholische Kirche stark eingebracht. Ziel sei etwa die Einrichtung einer Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Gräueltaten. Die katholische Kirche habe bereits angeboten, diesen Prozess zu begleiten.

Die kolumbianische Bevölkerung, auch die Guerilla-Anhänger, hätten großes Vertrauen in die moralische Autorität der Kirche, sagte Echeverri. Auch Papst Franziskus werde geschätzt und geachtet. Franziskus habe einen Besuch angekündigt, aber einige Bedingungen gestellt, unter anderem eine Friedens- und Versöhnungsperspektive.

Große Furcht vor Straffreiheit

In der kolumbianischen Bevölkerung sähen jedoch viele den Friedensprozess mit großer Skepsis. Die Kritiker befürchteten, dass die Verantwortlichen letztlich straffrei davonkämen. Das könnte die kolumbianische Bevölkerung stärker entzweien als bislang bereits. "Die Öffentlichkeit in Kolumbien hält die Verhandlungszeit für viel zu lang, die internationale Gemeinschaft ebenso."

Er hoffe, dass im neuen Jahr auch mit der kleineren Guerilla-Organisation ELN die Verhandlungen aufgenommen würden. Ein wirklicher Frieden in Kolumbien sei nur realistisch, wenn mit beiden Guerilla-Organisationen ein Friedensabkommen unterzeichnet werde. Sonst sei etwa ein Waffenstillstand kaum überprüfbar.

Im September hatten sich kolumbianische Regierung und die FARC auf den juristischen Rahmen für die Vorbereitung einer Friedensvereinbarung bis März 2016 zur Beendigung des jahrzehntelangen Konflikts verständigt. Danach will die Guerilla-Organisation die Waffen niederlegen. Die Friedensverhandlungen laufen seit über drei Jahren.

Quelle: KNA

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04.12.2015 - Visitenkarten des Todes
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Freitag, den 04. Dezember 2015 um 00:00 Uhr

In einer kleinen Kapelle am Bischofssitz in Quibdo erinnert die katholische Kirche an die Opfer des bewaffneten Konflikts der kolumbianischen Provinz Choco. Ein Ortsbesuch in einer vom Krieg gezeichneten Diözese.

Vier Zentimeter hoch, zehn Zentimeter breit: Name, Alter, Todesdatum und Mörder stehen auf den "Visitenkarten" des Todes in der Kapelle der Diözese Quibdo. An den Wänden der kleinen Kirche ist kaum noch Platz für mehr Opfer, weil es Hunderte Namen sind, die da an den Mauern eingesteckt in kleine Plastiktaschen hängen.

Und jede einzelne Karte erzählt eine kleine eigene Geschichte. So wie die von Leoncio Romana Martinez, der im Alter von 45 Jahren am 1. März 2003 in der Stadt Tangui von der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC ermordet wurde. Unter seiner steckt die Karte von Alvaro de Jesus Rivera (31), am 17. März 2003 ermordet durch rechtsgerichtete Paramilitärs in Quibdo. Am gleichen Tag starb auch Leonel Renteria (27). Ihn töteten die Rebellen der linken ELN-Guerilla. Endlos scheint diese Liste. Und weil auf den meisten dieser Karten auch Fotos der Opfer zu sehen sind, berühren sie selbst die Betrachter, die die Toten gar nicht persönlich gekannt haben.

Erinnern an die Opfer von Bojaya

Ein Platz in der Kapelle fällt besonders auf. Er ist dem Massaker von Bojaya gewidmet, bei dem am 2. Mai 2002 fast 80 Menschen getötet wurden. Es war wie so oft in diesem jahrzehntelangen Krieg zwischen linken Guerillagruppen, rechten Paramilitärs und der regulären Armee. Die unschuldige Zivilbevölkerung musste den Preis zahlen. Die FARC-Guerilla hatte nach einer Offensive die Paramilitärs in die Enge getrieben. Die suchten im Dorf Bojaya Schutz, verschanzten sich hinter einer Kirche, obwohl in dem Gotteshaus Zivilisten vor den Attacken Schutz gesucht hatten.

Die FARC-Guerilla feuerte trotzdem mehrere Bomben ab, eine schlug durch das Kirchendach und sorgte für ein blutiges Gemetzel. Doch damit war der Horror noch nicht vorbei. Nun schaltete sich auch die Armee in die Kämpfe ein, bombardierte die FARC-Stellungen. Wieder gerieten die Zivilisten zwischen die Fronten. Den Opfern der FARC-Attacke ist eine besondere Ecke in der Kapelle in Quibdo gewidmet.

Ist Versöhnung möglich?

"An jedem 2. Mai feiern wir einen Tag der Opfer", sagt der Priester Sterlin Londono. "Es gibt Momente, da fehlen einem die Worte. Dann können wir einfach nur noch Beistand durch physische Nähe leisten." Für Londono steht jede einzelne Karte für unendliches Leid. Ob Versöhnung da möglich ist? "Wir brauchen diese Versöhnung", sagt Londono. "Es geht gar nicht anders." Aber für viele Angehörigen sei das schwierig, wie für die Familien aus Bojaya. Zum Teil wissen sie nicht einmal, wo die Überreste ihrer getöteten Familienmitglieder unter der Erde liegen.

Quibdo ist die Provinzhauptstadt der bettelarmen Provinz Choco. In der überwiegend von Afro-Kolumbianern bewohnten Provinz an der Pazifik-Küste sind die Folgen des Krieges besonders zu spüren. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, es gibt keine Investitionen, viele Dörfer sind aufgrund fehlender Infrastruktur nur sehr schwierig zu erreichen. Es scheint, als sei die Provinz von der rasanten Entwicklung anderer Teile des Landes abgekoppelt. Nichts erinnert hier an die pulsierenden Metropolen Bogota, Medellin oder Barranquilla in denen sich die Experten an neuen Wirtschaftswachstumsraten berauschen.

Die aus dem Saarland stammende Gemeindereferentin Ursula Holzapfel und Pfarrer Ulrich Kollwitz arbeiten gemeinsam in der diözesanen Menschenrechtskommission "Vida, Justicia y Paz ? Leben, Gerechtigkeit und Frieden". Es ist die größte diözesane Menschenrechtskommission Kolumbiens. Sie klagt öffentlich Menschenrechtsverletzungen an und begleitet die Opfer.

Opferentschädigung als Voraussetzung für Frieden

Eines der größten Probleme, um die es bei den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung geht, ist die Opferentschädigung. "Es sind komplizierte Friedensverhandlungen auf Dorfebene notwendig als Voraussetzung für eine dauerhafte Regelung", weiß Holzapfel aus Erfahrung. "Frieden ist ein Prozess, der in der Bevölkerung weitergehen muss. Nur so kann eine tragfähige Basis geschaffen werden. Verzeihung ist nicht nur mit Worten zu leisten. Es darf nicht sein, dass Opfer und Täter auf eine Stufe gestellt werden. Das ist in Kolumbien ein sehr heißes Thema."

Und Pfarrer Kollwitz ergänzt: "Grundbedingung für Frieden und Aussöhnung ist auch, dass die jungen Menschen die Möglichkeit bekommen, ihr Brot zu verdienen. Solange das nicht gewährleistet ist, wird das Land nicht zur Ruhe kommen." Er ist sich sicher, dass die nationale Versöhnungskommission unter Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga gute Erfolgschancen hat.

Quellen: KNA, Adveniat; Autoren: Tobias Käufer, Beate Wörner

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25.11.2015 - Friedensabkommen: Unterzeichnung erst nach Prüfung
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Mittwoch, den 25. November 2015 um 00:00 Uhr

Die kolumbianischen Bischöfe erinnern den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und die Unterhändler der Friedensgespräche in Havanna daran, dass in Kuba zwar "keine Zeit vergeudet werden sollte", die Unterzeichnung von Friedensvereinbarungen jedoch nicht übereilt sondern "mit Bedacht stattfinden sollte.

Der kolumbianische Präsident hatte in den vergangenen Tagen eine Art "Konklave" zur Beschleunigung des Abschlusses der Friedensvereinbarungen angeregt.

"Präsident Santos hat es eilig, doch meiner Meinung nach sollte man sich die notwendige Zeit lassen, damit es zu einem guten Abschluss kommt", so der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga.

Im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der Friedensverträge forderte die katholische Kirche in den vergangenen Tagen auch eine Prüfung der Übereinstimmung mit dem internationalen Recht vor einer Unterzeichnung eines endgültigen Friedensabkommens, um Straffreiheit und ein Scheitern des Friedensprozesses zu vermeiden.

Für die Unterzeichnung und den Abschluss der Friedensverträge hatten die Chefunterhändler bei den Verhandlungen zunächst den 23. März 2016 anberaumt.

Quelle: (CE) (Fides, 24/11/2015)

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