Presseberichte Kolumbien
22.07.2015 - "Es ist die Stunde eines neuen Kolumbien"
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Mittwoch, den 22. Juli 2015 um 00:00 Uhr

Der Dialog mit den Rebellen geht in die entscheidende Phase, die am Ende über Krieg und Frieden entscheidet. Präsident Manuel Santos setzt noch einmal alles auf eine Karte.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos hatte gleich die komplette Familie und das Kabinett mit in die Kathedrale von Bogotá gebracht. Beim traditionellen Gebet "Te Deum" am Unabhängigkeitstag war der Waffenstillstand im Mittelpunkt, den die linksgerichtete Rebellenorganisation FARC einseitig verkündet und am Montag in Kraft gesetzt hatte.

Militärbischof Fabio Suescun ging noch einen Schritt weiter: Kolumbien müsse an einem Frieden arbeiten, der vor allem soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund stelle. Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, Grundnahrungsmitteln, einem Dach über dem Kopf - all das müsse gewährleistet sein, damit in Kolumbien ein dauerhafter Frieden überhaupt möglich sei.

Auch Präsident Santos ließ keinen Zweifel daran, dass er sein Land in einer schicksalhaften Phase sieht, die am Ende über Krieg und Frieden entscheidet. So beschwor er wenig später im Kongress die Einheit der Nation: "Es ist die Stunde, gemeinsam voranzuschreiten und keine Zeit mit Streiten zu verlieren. Es ist die Stunde eines neuen Kolumbien", sagte Santos. Viel Pathos zu Beginn einer Waffenruhe, von der viele hoffen, dass sie nach 50 Jahren Krieg endlich den Frieden bringt.

Warten


Kolumbien ist in die letzte und entscheidende Phase des Friedensprozesses gestartet. Die FARC hatte vor wenigen Tagen die Feuerpause angekündigt. Sie soll eine Phase der Deeskalation einleiten. Noch am Wochenende hatte die FARC als weitere Geste des guten Willens einen in Gefangenschaft geratenen Leutnant freigelassen. "Mit der Freiheit von Leutnant Moscoso beginnt der Waffenstillstand der FARC", schrieb daraufhin die Tageszeitung "Vanguardia". Allerdings schob die FARC-Kommandozentrale eine Einschränkung hinterher: Im Falle eines Angriffes werde man sich verteidigen.

Der Rest ist erst einmal Warten. Gegner des Friedensprozesses gibt es auf vielen Ebenen. Längst nicht alle Funktionäre aus der zweiten oder dritten Befehlsebene der FARC wollen ein Ende des Konflikts. Zu lukrativ ist ihre Verstrickung in den illegalen Bergbau, den Drogen- und Menschenhandel. Und auch beim Militär gibt es dunkle Interessen: eine unheilvolle Nähe zu den rechten paramilitärischen Banden, die wiederum mit Großgrundbesitzern oder großen Unternehmen unter einer Decke stecken, bis hin zu Mitverdienern bei Waffengeschäften, die dieser jahrzehntelange Krieg immer wieder produziert hat. Für viele gesellschaftliche Kräfte links- und rechtsaußen war der Krieg auch immer ein einträgliches Geschäft.

Zielgerade


Deswegen setzt Santos noch einmal alles auf eine Karte. Er tauschte an der Armeespitze ranghohe Generäle aus, um auch der FARC zu signalisieren, dass er für eine personelle Weichenstellung bereit sei. Seit Ende 2012 laufen die in Havanna geführten Gespräche zwischen der größten aktiven Rebellengruppe Lateinamerikas und der Regierung Kolumbiens. Jetzt biegt der "Friedensdialog", wie er offiziell heißt, auf die Zielgerade.

So könnte es in Havanna im September zu historischen Bildern kommen, wenn Papst Franziskus während seines Kuba-Aufenthaltes sehr wahrscheinlich auch mit Vertretern der beiden Verhandlungsdelegationen sprechen wird. Erwartbar ist zumindest ein Signal des argentinischen Kirchenoberhauptes - Franziskus verfolgt den Friedensprozess sehr aufmerksam.

Santos hatte sich selbst und der FARC ein klares Ultimatum gestellt. In vier Monaten soll der Prozess zu Ende sein: Entweder gibt es dann ein Abkommen, oder die Verhandlungen werden abgebrochen. Letzteres hieße, dass der Krieg weiterginge - und das wäre wohl auch gleichbedeutend mit dem Ende von Santos' Präsidentschaft. Andernfalls könnte das Weihnachtsfest 2015 eines sein, das das Land ohne Bürgerkrieg feiert. Für mehr als zwei Generationen Kolumbianer wäre dies eine ganz neue Erfahrung.

Autor: Tobias Käufer
Quelle: KNA

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15.07.2015 - Indigene Bürgerkriegsflüchtlinge fordern Hilfe
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Mittwoch, den 15. Juli 2015 um 00:00 Uhr

Die seit einer Woche auf der Flucht vor Bürgerkriegs-Kämpfen zwischen linken FARC-Guerillas und staatlichen Armee-Verbänden vertriebenen Embera-Indigenen sind laut jüngsten Medienberichten weiter in Gefahr. In einem Appell an die Behörden rief die Vereinigung indigener Versammlungen von Antioquia zur staatlichen Hilfe für die rund 500 Menschen auf, so die Tageszeitung "El Colombiano" am Montag, 13. Juli 2015.

"Informationen unserer indigenen Autoritäten zufolge, gibt es Erkenntnisse darüber, dass vor Ort gebärende Frauen, Neugeborene und rund 200 Mädchen, Jungen und Jugendliche sind, die sich in einem unwürdigen Zustand der Enge befinden", so die Erklärung über die Lage der geflüchteten Dorfgemeinde in der Kommune Urrao im Indigenen-Schutzgebiet im Südosten des Departamentos Antioquia. Die Bewohner der Dörfer Jacinto und Santamaría seien ins Dorf Amburá geflohen, wo sie auf engstem Raum zusammenleben würden.

Gefordert wird die Entsendung von Ärzten, Lebensmitteln und das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Armee und Guerilla. Laut des Regierungsvertreters Santiago Londoño der Departamento-Verwaltung von Antioquia "betreuen wir die Situation in der Zone mit humanitären Organisationen". Die nationale Regierungsbehörde für Opferschutz und das Programm für "Gesundheit aus der Luft" auf Departemento-Ebene leisten Hilfe. (bb)

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02.07.2015 - Umweltkatastrophe nach FARC-Anschlag
Geschrieben von: Blickpunkt Lateinamerika (Adveniat)   
Donnerstag, den 02. Juli 2015 um 00:00 Uhr

Ein Anschlag der FARC auf eine Ölpipeline zieht in der kolumbianischen Pazifikregion eine Umweltkatastrophe mit nicht kalkulierbaren Folgen nach sich. Über 1,5 Millionen Liter Erdöl sind in etliche Flüsse mit direkter Verbindung zum Pazifik geflossen und haben einen Ölteppich von rund 80 Kilometern Durchmesser gebildet. Die endgültigen Folgen für das Ökosystem werden vermutlich erst in vielen Jahren absehbar sein, Kolumbien Präsident Santos nennt es die "vielleicht größte Umweltkatastrophe des Landes". In einer Stellungnahme bedauert die FARC-Führung die "nicht gewünschten Folgen" des Anschlages.

Dazu zählen auch die immensen sozialen Folgen: wegen der Verschmutzung der Flüsse musste das größte Wasserwerk Tumacos komplett geschlossen werden und über 160.000 Bürger der Region befinden sich seit fast zwei Wochen ohne Wasser. Zur Wiederherstellung der Grundversorgung benötigen die Wasserwerke nach eigenen Angaben noch mindestens 25 weitere Tage. Obwohl der Staat versucht, die Situation mit Wassertankern unter Kontrolle zu kriegen, bat Tumacos Bürgermeister Víctor Gallo Präsident Santos einen sozialen und wirtschaftlichen Notstand auszurufen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Denn nicht nur die Wasserknappheit macht den Bewohnern der Region Angst, 75 Prozent der Bevölkerung bezieht ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt vom Fischfang - eine Tätigkeit, die der Ölteppich fast unmöglich macht.

Der Anschlag steht in einer seit über einem Monat andauernden Reihe von ähnlichen Anschlägen auf Infrastrukturanlagen im ganzen Land. Oft trifft die FARC mit ihren Attacken indirekt vor allem marginalisierte Teile der Bevölkerung. Die beidseitige Eskalation des Konfliktes steht damit im direkten Widerspruch zu den ideologischen Aussagen der FARC-Führung in Havanna, genauso wie die Friedensrhetorik des Präsidenten zur gleichzeitigen militärischen Offensive. In diesem Kontext ist die Gefahr von wachsendem Unmut und Unverständnis gegenüber dem Friedensprozess in der Bevölkerung groß, eine Gefahr, die den Prozess neben der militärischen Eskalation zusätzlich gefährden könnte. (jb)

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